Fachleute, zu denen ich mich nicht rechne, behaupten, dass wir noch mindestens dreihundert Jahre bis zur Gleichstellung der Geschlechter in Europa brauchen werden, wenn wir uns im üblichen Takt weiterbewegen. Der übliche Takt sind Aufrufe zur Frauenförderung und hin und wieder eine gesetzliche Verankerung von Frauenförderung.

Daher überlege ich mir schon lange, wie wir Tempo aufnehmen könnten – unter demo­kratischen Gesichtspunkten. Ein paar Möglichkeiten fallen mir schon noch ein: Es gibt in der Republik Österreich einen Verfassungs­dienst. Das sind speziell ausgebildete JuristInnen, die Gesetze dahingehend überprüfen, dass sie die österreichische Verfassung nicht verletzen. Könnten wir nicht in diesem Verfassungs­dienst ein neues Büro einrichten, in dem überprüft wird, wie sich bestehende und werdende österreichische Gesetze auf Frauen und Kinder auswirken? Und falls negative Wirkungen auf Frauen und Kinder ­feststellbar sind, dann gibt es ein „Zurück an die gesetz­gebenden Körperschaften“!

So könnte mehr Schwung in die Umverteilungsdebatte kommen. Und da ich manchmal auch zur Kühnheit neige, könnten wir so eine Stelle auch in der EU einrichten und eine weitere, die sich mit der Förderung von Frauen und Kindern im Rahmen der Entwicklungshilfeziele und –finanzen beschäftigen muss – darf was Gutes auch global wirken können …

Eine weitere Möglichkeit für Österreichs Demokratie ist der rasche Ausbau von Elementarpädagogischen Kinder­betreuungseinrichtungen, die vielfach vollkommen neu zu errichten sein werden. Im Eingangs­bereich solcher Gebäude kann eine BürgerInnen-Informationszone mit Highspeedbreitbandinternetanschluss eingebaut werden. Für Leute, die ihre Kinder zur Betreuung bringen oder von dort holen, stehen nicht nur einfach zu bedienende Geräte zur Verfügung sondern zu bestimmten Zeiten auch verschiedene, junge und alte, angestellte Informations­vermittlerInnen, die bei Recherchen helfen und die Kommunikation ankurbeln.

Diese Informationsdrehscheibe kann vielfältig genutzt werden. Ob sich DichterInnen, SängerInnen und DenkerInnen präsentieren oder ob auch Werbung für Kulturinitiativen oder Nachbarschaftshilfen gemacht wird, ob die örtliche Leihbücherei für klein und groß dort andocken kann oder der Urban-Gardening-Club oder der Deutschunterricht für Menschen mit Migrationshintergrund. Ob es dort Informationen geben wird über Sozialleistungen oder günstigere Wohnungen in der näheren Umgebung, wird von den mitwirkenden BürgerInnen und ihren gemeinsamen Beschlüssen abhängen und von der Zeit, die aktive BürgerInnen brauchen, um sich dort so viele integrative Informationen zu holen wie nötig sind, um dabei sein zu können. Informations­vermittlerInnen tragen sicher gern zu einem breiten Spektrum an Informationen bei, wenn man/frau sie nur lässt.

Dass mit derartigen Informationsdrehscheiben auch Armut bekämpft werden kann, dass durch gute Vernetzung auch soziale Netzwerke im Alltag entstehen können und so vielleicht etliche junge Frauen sich nicht in die Abhängigkeit von vollzeitbeschäftigten Überstunden­männern begeben müssen, weil sie ihre guten Ideen auch öffentlich kommunizieren und einen Freiraum für einen eigenen Start ins Leben haben können, ist denk- und zumutbar.

Auch in den Schulen oder Gemeindeämtern könnten solche BürgerInnen-Informationszonen eingerichtet werden. Ich kenne aus dem Bereich der öffentlichen Bibliotheken viele Informations­vermittlerInnen, die ehrenamtlich über ganz Österreich verteilt sind und aus dem „Volksbildungsbereich“ kommen. Und ich kenne ausreichend viele junge AkademikerInnen, die an ein Hochschul- und / oder Universitätsstudium noch einen universitären Lehrgang anschließen und sich um viel Geld die Ausbildung für Informations­vermittlungs­kompetenzen kaufen, die sie dann beruflich nicht einsetzen können, weil der Beruf der Informationsvermittlung in unseren wenig entwickelten Medienlandschaften mit anderen Bedürfnissen und Namen besetzt wird. Die gesetzlich seit heuer neu im Wirtschafts­ministerium installierte Innovationsstiftung für Bildung müsste doch ein offenes Ohr und Börsel haben für derartige bürgernahe Unternehmungen.

Die nächste Ausbaustufe – dass an Bürgerkarten-Geräten wie jetzt bei Geldautomaten eine freie öffentliche Zone für bürgerliche Aktivitäten reserviert und in Anspruch genommen werden kann – mit oder ohne grünen Rasen – ist jetzt auch nur so eine Idee, die wir in Zukunft noch gemeinsam von der Vision in die Wirklichkeit führen könnten. Ich möchte jedenfalls diese Idee nicht so verstanden wissen, dass sie dem Innenminister zu Demonstrationszonen verhilft. Denn diese sind überall, wo es protestierenden BürgerInnen in einer Demokratie recht ist, für ihr Recht auf die Straßen oder Plätze zu gehen.

Ich war als Mitglied der Initiative „Ehe-ohne-Grenzen“ schon einmal an der Organisation einer Demonstration beteiligt, die unter dem Titel „48 Stunden für die freye Liebe“ angemeldet und dann aber verboten wurde. Die Begründung lautete, dass es nicht in der Absicht von Protest liegen kann, 48 Stunden zu dauern. Ich glaub’s ja noch immer nicht.

Quelle: Die Alternative

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