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SES oder die gläserne MitarbeiterIn

Eine Geschichte über die "Personalverwaltung" bei der Stadt Wien.


Commander Überblick lehnt sich zufrieden in seinen extragroßen Bürostuhl und nimmt einen dicken Zug aus der Zigarre. Eigentlich ist das ja seit Jahren verboten - wegen der Gesundheitsrichtlinie, die natürlich auch im Büro gilt. Aber er gönnt sich ja sonst nichts und in seinem Zimmer wird er wohl machen dürfen, was ER will. Schließlich ist er ja der Boss.

Nun ja, ganz der oberste Boss ist er ja nicht, aber der Personalchef allemal! Und er weiß, was in dem Schuppen los ist. Jederzeit weiß er Bescheid über seine Schäfchen und besonders über die, die nicht so schäfchenweich sind.

Ein Blick in seinen Monitor, der von der Tür bis zum Fenster reicht - das ist sich gerade ausgegangen in dem Raum, der ja gar nicht so klein ist, und er weiß Bescheid. In dem Bildschirmfenster rechts unten zum Beispiel: Sein besonderer Liebling, der vorlaute und immer quirlige Müller hält´s nie lange an seinem Platz aus. Gekommen ist er heut früh um 6:45, dann erst um 7:09 den PC eingeschaltet - eine bedenkliche Lücke von 24 Minuten tut sich da auf - da ist doch glatt der Sensor am Gang ausgefallen - muss ich sofort erneuern lassen, notiert sich der Commander. Dann bis 8:39 regelmäßige Eingaben in den PC. Da um 8:53 der erste Cafe vom Automaten im dritten Stock - warum er wohl ständig zu diesem Automaten geht und nicht in seinem Stock bleibt, da muss ich ihn mal danach fragen. Diesmal hat er den Milchkaffee genommen - das sieht der Commander in der Personalcard-Abrechnung, die stets in Echtzeit erfolgt; hat wohl eine lange Nacht gehabt und verträgt jetzt nichts richtiges. Toll dieses neue DMIIB-Programm (Die Mannschaft Immer Im Blick)!! Das ist sein Geld einfach wert.

Gedankenverloren schweift der Blick des Commanders weiter, da ertönt ein leises Piepen und macht ihn auf den Krankenstand von Susi Fröhlich aufmerksam. Was die wohl hat, gestern bei der Betriebsfeier war sie ja ganz munter und lustig. Wie lang sie wohl im Haus gewesen ist. Ein paar Klicks und da: Die ist erst um 3 Uhr in der Früh unten aus dem Haus raus - und das zeitgleich  mit 3 Kollegen!!! Den Krankenstand werd ich mir genauer anschauen müssen, denkt der Commander ............
So weit so utopisch; und das hat ja gar nichts mit uns zu tun, wird wohl so manchEr von uns jetzt denken.

Nun, so ist es JETZT sicher nicht gedacht im Magistrat Wien. Die Infrastruktur dafür entsteht allerdings gerade in vielen Amtshäusern und folgt exakt dem Zeitgeist, der auf Kontrolle setzt - denn wer nichts zu verbergen hat, der braucht die Kontrolle ja nicht zu fürchten!!

Ein Blick in die nicht allzu ferne Zukunft macht aber Sorge, dass da bald die SES-Schrauben etwas nachgedreht werden könnten. Die Partei, die für plakativ einfache und gut kommunizierbare Lösungen bekannt ist, wird auch in Wien nach der nächsten Wahl stärker sein und unter anderem massiv Druck auf die vermeintlichen Privilegien der Bediensteten der Stadt Wien ausüben. Dann ist es nur mehr ein kleiner Schritt, die vorhandene Infrastruktur besser auszunützen und plötzlich werden Aufzeichnungen und Auswertungen, die heute kein Thema der Dienstgeberin sind, in ganz anderem Licht erscheinen. Ohne viel Fantasie kann frau sich vorstellen, dass dann die Mittagspause plötzlich nicht mehr Arbeitszeit ist und im SES sekundengenau gebucht werden muss. Auswertungen über Arztbesuche sind jederzeit möglich und können auf ihre zeitliche Lage in Bezug auf die Kernzeit beurteilt werden. Statistiken über persönliche Zeitstrukturen sind möglich und vielleicht interessiert es dann auch, wer jeden Montag deutlich später kommt als sonst und daraus sind leicht (falsche) Schlüsse zu ziehen.

Anders ausgedrückt: Wenn die Dienstgeberin unter politischen Druck kommt, wird sie zumindest einen Teil des Drucks nach unten weitergeben.

Und hier setzt die KIV mit ihrer Forderung an:

Jetzt muss die Gewerkschaft eine Betriebsvereinbarung mit der Dienstgeberin abschliessen, die detailliert regelt, welche Anwendungen und Auswertungen im SES zulässig und welche nicht zulässig sind.

Es reicht nicht, in den Ausschüssen der Personalvertretung darüber zu beraten. Die Vereinbarung muss her, solange das politische Umfeld freundlich ist!


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