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Mata Hari

Mata Hari fasziniert mich. Als ich mich entschlossen habe, über die Rolle der Frau im langen 19. Jahrhundert zu schreiben, war sie die erste, die mir eingefallen ist. Genau in diese Zeit des Umbruchs, des Kolonialismus und der durch den ausgebrochenen Ersten Weltkrieg gesteigerten Emanzipation der Frau ist sie für mich ein Paradebeispiel für das sich verändernde Rollenbild in dieser Zeit. Als Margarete in Leuwaarden geboren wurde, war Holland ein zutiefst puritanisches Land, wo Frauen den Männern untergeordnet und ein gottgefälliges Leben als Ehefrau, Mutter und Familienbetreuerin gelebt haben. Auch die junge Margarete war ein typisches Produkt dieser Zeit. Weit davon entfernt, jene geheimnisvoll unabhängige Frau von später zu werden, genoss sie die Erziehung dieser Zeit. In eine reiche Kaufmannsfamilie hineingeboren, die ihren Wohlstand durch geschickte Aktienkäufe in die damals noch junge Petrolindustrie erlangte, kam sie dann, wie viele höhere Töchter ihrer Zeit, in ein Mädcheninternat, wo sie von den Erziehern und dem Direktor brutal behandelt und sexuell missbraucht wurde. Man legte keinen Wert auf Eigenständigkeit, Unterwerfung war die Devise der damaligen Zeit. Frau hatte zu gehorchen.

Nachdem ihre Eltern auf der Börse alles wieder verloren hatten, musste Margarete – wiederum ein typisches Schicksal ihrer Zeit – einen Mann finden. In John Mcleod, einem zwanzig Jahre älteren Kolonialoffizier fand sie durch eine Zeitungsannonce. Es war wieder ein Griff ins berühmte Klo, denn Mcleod suchte keine ebenbürtige Partnerin, sondern ein Spielzeug seiner Gelüste. Im engen kolonialen Leben auf Java gab es für Margarete auch gar keinen Ausweg, sie war als Angehörige der weißen Herrscherkaste bei den Einheimischen eine Außenseiterin, die schon wegen ihres Mannes nie akzeptiert wurde. Der Vergiftungstod ihres Sohnes soll ein Racheakt javanesischer Frauen für die Grausamkeiten, die ihr Mann an ihnen begangen hat, gewesen sein. Erst der von ihr miterlebte Selbstmord einer Offiziersgattin bewog sie, auszubrechen.

Fortan beherrschte sie die Männer und nicht umgekehrt. Sie, die nie einen Beruf gelernt hatte, erkannte, dass mit ihrem Körper, ihrer Schönheit und ihrem ererbten Bewegungstalent manipulativ vorgegangen werden konnte. Im Paris der Jahrhundertwende, einer für damalige Zeit sündigen Stadt, fand sie ihre neue Heimat – und viele Liebhaber beiderlei Geschlechts. Sie setzte sich selbst gekonnt in Szene, um ein angenehmes, unabhängiges Leben zu führen. Sexualität und Liebe, die sie nie richtig gelernt und ausgelebt hatte, waren hier nur ein Mittel zum Zweck.

Doch dieser Zweck störte schon bald die politischen und militärischen Kreise Frankreichs. Ihre offen ausgelebte Promiskuität zu wichtigen Männern in Frankreich, Deutschland und Spanien wurde ihr angesichts des drohenden Weltkriegs zum Verhängnis. Dabei legte sie eine gewisse Naivität im Umgang mit Geheimnisträgern an den Tag, erzählte jedermann was immer er hören wollte und verstrickte sich so in ein Geflecht von Gerüchten, Mutmaßungen und gefährlicher Wahrheit, das damals keiner brauchen konnte. Gutgemeinte Warnungen schlug sie in den Wind, immer in der Meinung, ihre vielen, vielen Liebhaber würden sie schützen. Doch das taten sie nicht, im Gegenteil. Als Margarete Zelle im Februar 1917 verhaftet und wegen Spionageverdacht verurteilt wurde, rührte keiner einen Finger für sie. Im Gegenteil. Man war froh, diese lästige und für die eigene Karriere gefährliche Person aus dem Weg zu haben. Bis zum Schluss soll sie sicher gewesen sein, dass ihr nichts passieren konnte. Erst vor dem Erschießungspeloton dämmerte ihr, dass sie verloren hatte. Im November 1917 beendete ein Exekutionskommando das Leben von Mata Hari.

Sicherlich ist Mata Hari nicht das Paradebeispiel einer modernen, emanzipierten Frau, aber alleine ihr Leben zwischen den Welten, die sie alle kennengelernt, doch nie verstanden hat, verschafft ihr einen Platz unter den großen Frauen des 19. und 20. Jahrhundert. Sie nahm vorweg, was erst nach dem Zweiten Weltkrieg Usus wurde: die weibliche Unabhängigkeit gegenüber der männerdominierten Gesellschaft.

Buchtipp: Paulo Coelho – Die Spionin

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