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Die Zukunft der Arbeitswelt

Roboter, Algorithmen und künstliche Intelligenz bestimmen den Diskurs über die Arbeitswelt von morgen. Vielen macht das Angst, das Schreckgespenst vom Jobverlust geht um. Längst rütteln die Maschinen nicht mehr nur an wenigen niedrig qualifizierten Jobs, sondern sind im Herzen der Erwerbstätigkeit angekommen: Mittelstand und auch Führungskräfte sind betroffen. Immer deutlicher wird uns bewusst, dass die Zukunft nicht so weit hergeholt ist, wie sie einmal war. Digitalisierung beendet nicht nur ein Kapitel Industriegeschichte, sondern auch ein Kapitel Sozialgeschichte, so Franz Kühmayer (Franz Kühmayer ist Experte für das Thema Zukunft der Arbeit. Er ist Trendforscher am Zukunftsinstitut und Unternehmensberater. Er lehrt an mehreren Hochschulen und publiziert regelmäßig. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Leadership Report 2017“)

Wer heute überrascht wird, hat die letzten Jahre verschlafen.

Wer heute überrascht wird, hat die letzten Jahre verschlafen. Wir stehen nicht am Anfang der vierten industriellen Revolution, sondern sind bereits mittendrin. In den allermeisten Fällen handelt es sich nämlich gar nicht um plötzliche, sprunghafte Veränderungen, sondern um seit langer Zeit wahrnehmbare Veränderungen. Allerdings steigt die Geschwindigkeit und die Dynamik und der Grad der Komplexität, also der miteinander vernetzten Systeme, steigen. Digitalisierung ist eine Lawine in Zeitlupe.
Unternehmen und Kommunen haben damit zu kämpfen. Noch viel mehr kämpfen wir aber auf gesellschaftlicher Ebene, denn die politischen Systeme hinken in ihrer Aktionsgeschwindigkeit dramatisch hinterher. Dieser Geschwindigkeitsunterschied kann fatal werden.
Bildung schützt den Einzelnen vor den Auswirkungen.
Die vergangenen industriellen Revolutionen hatten eine Gemeinsamkeit: Auf der Bildungsleiter nach oben zu klettern, war die sicherste Methode, um drohendem Jobverlust durch Automatisierung und Rationalisierung zu entkommen. In der aktuellen vierten industriellen Revolution verliert diese Regel an Gültigkeit. Wir können nicht mehr schneller oder besser denken, als Maschinen, und auch nicht mehr schneller oder besser lernen als Algorithmen.

Kritisches Denken, Kommunikation, Kreativität, und Initiative sind die neuen Kompetenzen

Die Erfolgsrezepte der Vergangenheit greifen nicht mehr, und sich daran zu klammern, wäre der sichere Untergang. Solange Bildung vor allem Aus-Bildung, also Berufsorientierung, meint, geht sie an den Anforderungen des Wandels vorbei. Und zwar mit zunehmender Dramatik. Dass die durchschnittliche Verweildauer im Unternehmen sinkt, ist nämlich nicht nur ein Phänomen neuer Wertvorstellungen der jungen Generationen, sondern auch ein Zeichen, dass sich die Halbwertszeit beruflicher Qualifikation im freien Fall befindet. Stärker als Berufsausbildung wird eine Betonung der Kompetenzen des 21. Jahrhunderts benötigt: Kritisches Denken, Kommunikation, Kreativität, Initiative und ähnliche Kompetenzen. Wenn wir nicht mehr darauf vertrauen können, dass Bildung hilft, uns im bestehenden System zu bewähren, dann brauchen wir Bildung, die uns hilft, neue Systeme zu denken und zu bauen.

Wir werden massiv mehr Freude an der Arbeit haben

Der Mensch ist ein soziales und kreatives Wesen, und genau jene Tätigkeiten werden überleben und damit auch unsere Freude an der Arbeit massiv ansteigen.
Digitale Systeme und künstliche Intelligenz sind uns in vielen Tätigkeiten überlegen: Sie ermüden nicht, werden durch Routine nicht gelangweilt – und sie denken schneller und besser als wir. Indem sie uns kognitiv überlegen sind, nehmen sie uns daher nicht nur niedrigqualifizierte Tätigkeiten ab, sondern zunehmend auch intelligente. Sie treiben uns damit nicht nur aus der Erwerbsarbeit hinaus, sondern vor allem in der Evolution nach oben. Dieser Aspekt ist für viele ein Schreckensszenario. Aber anstatt in Angststarre zu verfallen, sollten wir den Blick öffnen und erkennen, dass uns Maschinen aus dem monotonen Arbeitsalltag lösen. Eine aktuellen Studie (marketagent, Office Report 2017) unterstreicht es: Montag ist der unbeliebteste Tag, Freitag der Tag, an dem Erwerbstätige am fröhlichsten und glücklichsten sind.
Der Mensch ist ein soziales und kreatives Wesen, und genau jene Tätigkeiten werden überleben und damit auch unsere Freude an der Arbeit massiv ansteigen. Das wird auch zu einer gesellschaftlichen Neubewertung von Arbeit führen. Uns geht nämlich nicht die Arbeit aus, sondern maximal die bezahlte Erwerbsarbeit, wie wir sie heute kennen.
Technischer Fortschritt führt allerdings stets auch zu fallenden Preisen und letztlich zur Entwertung ganzer Wertschöpfungsketten. Ob steigende Produktivität auch ein höheres Sozialprodukt bedeutet, ist also zumindest fraglich. Den Wohlstand einer Gesellschaft direkt mit der Erwerbstätigkeit der Bevölkerung zu koppeln, ist daher gar nicht so schlüssig, wie es uns heute erscheint.
Dass gesellschaftlich entscheidende Tätigkeiten wie etwa KrankenpflegerInnen oder PädagogInnen deutlich niedriger bezahlt sind, als Investmentbanker oder Unternehmensberater, wird sich ändern: Was persönlich und gesellschaftlich wertvoll ist, wird auch entsprechend entlohnt werden. Die Digitalisierung bringt uns also menschlich und gesellschaftlich Segensreiches.

 

Drei Fragen

Franz Kühmayer meint: Damit der Wandel gelingen kann, müssen drei Fragen gelöst werden:
1. Wer soll von der Umstellung profitieren?
Es muss gelingen, die Produktivitätsvorteile, die durch Digitalisierung entstehen, nicht den IT-Giganten der GAFAnomie (Google, Apple, Facebook, Amazon) zu überlassen, sondern in der Region zu behalten und zu vergesellschaften.

2. Wie können wir den gesellschaftlichen Wandel meistern?
Die Reflexantwort „Bildung“ greift zu kurz, da wir es mit einem viel tiefgreifenderen, sozialen Veränderungsprozess zu tun haben, an dessen Ende völlig neue Strukturen entstehen werden. Gefragt ist visionäre Politik, die eine Vorstellung von Gesellschaft und Wirtschaft im digitalen Zeitalter entwickelt und vorantreibt.

3. Wie entkoppeln wir Arbeit von Einkommen, Steuerleistung und Sozialabgaben?
Es scheint sonnenklar zu sein: Wenn Roboter unsere Arbeit übernehmen, sollen sie auch unsere Steuern zahlen und uns ein bedingungsloses Grundeinkommen ermöglichen. Auch wenn diese Denkrichtung schon stimmt, greift sie langfristig zu kurz. Denn konsequent weitergedacht spielt Geld in der Ökonomie der Zukunft überhaupt keine Rolle mehr. „Wir arbeiten, um uns selbst und die Gesellschaft zu verbessern”, heißt es in Star Trek – diese Utopie des 24. Jahrhunderts könnte schon viel rascher Realität werden.

 

Zukunftsoptimismus: Wir werden staunend zurückblicken

Wir haben noch nicht einmal den Ansatz der Bedeutung erfasst, die die Digitalisierung mit sich bringt. Das Morgen wird sich in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik so sehr vom Heute unterscheiden, wie die monarchischen Agrargesellschaften vor der ersten industriellen Revolution von der proletarischen Industriegesellschaft danach.
Schon heute erleben wir auch die Schattenseiten des aktuellen Wandels: Neuartige gesundheitliche Belastungen der Wissensarbeiter, das wachsende digitale „Lumpenproletariat“ der Modernisierungsverlierer und den Shitstorm als demokratiepolitisches Instrument. Damit die Veränderung gelingen kann, reicht symptombekämpfende Trostpflaster-Politik nicht aus, sondern es braucht völlig frisches Denken.
Wir werden uns noch während unserer Lebenszeit verwundert die Augen reiben, mit welchen Fragen wir heute das Thema Arbeit behandelt haben – und wir werden zu völlig anderen Antworten gekommen sein. So werden wir künftig nicht mehr Arbeitslosigkeit bekämpfen, sondern im Gegenteil: Wir werden jene Menschen, die noch arbeiten „müssen“, davon befreien. Erst dann wird der Erste Mai ein richtiger Feiertag sein.

Download: KIV Magazin September 2017

Illustration: www.freepik.com

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