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Der gemeinnützige Frauenverein SOMM möchte die gesellschaftliche Teilhabe von Migrantinnen und Musliminnen fördern und den Zugang zu Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten öffnen.

Interview mit einer jungen muslimischen Migrantin zweiter Generation über ihre Erfahrungen in der Berufsschule und Lehrzeit:

Wie ist es Dir als Migrantin in der Berufsschule ergangen?

Ich war dort ohne Kopftuch. Ich bin hier aufgewachsen. Ich bin wie eine Österreicherin, nur habe ich einen anderen Namen. Als ich in die dritte Klasse Berufsschule gekommen bin, fragt eine Lehrerin nach meinem Namen, sie meint er klingt ausländisch. Diese Lehrerin für Römisch-katholisch fragt, wer in den Religionsunterricht geht. Ich habe gesagt, meine Religion ist der Islam, ich nehme nicht teil. Ein anderer Schüler hat gesagt, er geht auch nicht hin, weil es ihn nicht interessiert. Die Lehrerin sagte, er soll froh sein, dass er in dieser Religion ist und nicht in einer anderen, wo er fünfmal am Tag den Teppich ausbreiten muss. Das war gleich am ersten Schultag. Diese Lehrerin wollte uns dann überreden, dass wir am Religionsunterricht teilnehmen. Sie stellte es als ganz dramatisch dar, dass wir nicht hingehen wollten. Immer wieder redete sie von den viele Freiheiten, die wir hätten, so auf die Art „ihr könnts ja froh sein, wenn ihr keine Muslime seid“.

Außerdem erzählte sie Geschichten von ihrer Bekannten, die mit einem Türken oder Araber zusammen war, der sie aber angeblich nur abzocken wollte.

Warst du die einzige Migrantin dort?

Es waren auch andere Migranten in meiner Klasse. Ich beherrsche ja die deutsche Sprache. Aber die anderen waren akzeptiert, weil sie keine Muslime waren, sondern römisch-katholisch. Und ich – wie soll ich sagen – ich äußere mich zu den Dingen und ich habe nicht diese abgestimmte Meinung, die jeder in der Klasse gehabt hat.

Ich habe einfach meine Meinung gesagt und bin zu ihr gestanden. Es ist so: Wenn die ganze Klasse eine Meinung hat, dann sagt einer, der anders denkt, seine Meinung nicht, weil er Angst hat, dass er ausgeschlossen wird. Aber mir war das egal.

War es trotzdem lässig dort für dich oder war alles öd?

Nein. Es waren ja nicht alle so. Ich konnte schon mit einigen normal reden. Aber es gab viele Diskussionen. Ich habe meine Geduld mit ihnen gehabt. Weil ich könnte auch anders reden, aber ich wollte nicht.

Hast du dich einsam gefühlt?

Nein. Es waren ja nur zwei Monate. Mit einigen habe ich mich gut ­verstanden.

Was hättest du dir anders gewünscht bei der Berufsschule?

Was ich sehe ist, dass viele vom Land her kommen. Sie haben anscheinend keinen Kontakt mit Ausländern oder so gehabt. Sie wissen nichts darüber. Dann hören sie etwas und folgen gleich dieser Meinung. Sie machen sich auch kein Bild darüber. Du folgst jemandem blind, damit du nicht als Außenseiter abgestoßen wirst.

Konntest du dort beten?

Nein, nein, nein. Auf keinen Fall.

Also wenn ich Kopftuch gehabt hätte … ich würde keiner raten, mit Kopftuch dorthin zu gehen. Du wirst nur gehänselt. Ich habe einige Kolleginnen, sie sind frisch aus der Türkei gekommen, mit nur ein wenig Deutsch. Für die war das katastrophal. Sie haben erzählt, dass sie dort die ganze Zeit mit Papier beschmissen wurden. Eine hat gesagt: „Ich habe jeden Abend geweint.“

Sie hat es durchgezogen. Also, denen die es durchziehen können, sage ich: Machts es. Ich will keinem was verhauen, aber man muss sich das nicht gefallen lassen. Weil man ist kein Hund oder so. Es steht auch nicht Opfer oben auf unserem Kopf.

Und wenn von den Lehrern solche Sachen kommen, – das ist sowieso ein No-go. Die Lehrerin, von der ich vorher gesprochen hab, ist auch mit einem anderen Beispiel gekommen. Dass man in ein arabisches Land nicht mit einem Tatoo hingehen kann. Hab ich gesagt: „Ja, es ist in unserer Religion verboten, ganz einfach. Aber es ist deren Angelegenheit, ob sie sich tätowieren oder nicht. Ich beschimpfe sicher keinen deshalb, weil es kann ja sein, dass er einmal besser wird als ich.“

Hast du keinen Lehrer gefunden, der dir beigestanden ist oder zu dem du hättest hingehen können?

Nein. Ich brauche auch keinen Lehrer. Ich bin stark wegen meinem Glauben.

Wie war es für Dich als Migrantin in der Lehre?

Dort habe ich mich nicht so als Migrantin gefühlt. Außer bei einigen Arbeits­kollegen. Sie haben blöde Fragen gestellt. Und immer die gleichen. Also, wenn man einmal eine genaue Antwort gibt, sollte es reichen. Sie fragten nur, um lästig zu sein. Ich habe dann eine blöde Antwort zurück gegeben. Hab’s mir nicht gefallen lassen. Manchen muss man den Mund damit zu machen. Oder ich habe blöde Fragen zurückgestellt.

Wie waren die Arbeitsbedingungen?

Die waren schlecht. Die Überstunden ­wurden nicht ausbezahlt. Wenn man ­länger bleiben musste, gab es nur ­Stundenausgleich. Ich musste jeden Tag eine halbe Stunde vor meiner eigentlichen Arbeitszeit da sein und das wurde nicht bezahlt. Auch musste ich immer die Drecksarbeit machen. Da lernst nix. Du wirst als billige Aushilfskraft ausgenützt.

Helga Suleiman arbeitet für „Selbstorganisation von und für Migrantinnen und Musliminnen“ (SOMM) in Graz.

Quelle: Die Alternative

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