Der Matilda-Effekt: Erfinden und Forschen ist männlich. Oder nicht?
- KIV Redaktion

- 17. März
- 3 Min. Lesezeit

Die Illusion, dass Frauen in der Wissenschaft weniger leisten, entsteht in einem System, in dem Männer Taten und Errungenschaften von Frauen kleinreden und aus den Geschichtsbüchern streichen. Dafür gibt es einen Namen: Den Matilda-Effekt.
Er beschreibt die systematische Verdrängung, Unterschätzung und Leugnung des Beitrags von Frauen in der Wissenschaft, deren Arbeit häufig ihren männlichen Kollegen zugerechnet wird. Dieses Phänomen struktureller Diskriminierung führt dazu, dass Pionierinnen oft aus der Wissenschaftsgeschichte verschwinden. Der Begriff wurde 1993 von der Historikerin Margaret Rossiter eingeführt und nach der US-amerikanischen Frauenrechtlerin Matilda Joslyn Gage benannt, die Ende des 19. Jahrhunderts dieses Phänomen als Erste allgemein beschrieben hat.
Seit Jahrtausenden
Der Matilda-Effekt ist nichts Neues. Beispiele aus der Antike sind unter anderem die Philosophin und Mathematikerin Theano, deren Arbeit ihrem Mann Pythagoras zugeschrieben wurde, sowie die Mathematikerin Pandrosion, die in späteren Übersetzungen ihrer Schriften als Mann dargestellt wurde.
Matilda-Effekt: Auch heute noch
Doch auch in der Neuzeit finden sich etliche betroffene Wissenschaftlerinnen und Erfinderinnen:

Rosalind Franklin, Biochemikerin
Sie erarbeitete 1952 die entscheidenden empirischen Beweise für die Doppelhelix der DNA, die ohne ihre Zustimmung und ohne ihr Wissen weitergegeben wurden. Obwohl die Forschungsergebnisse von Franklin die Grundlage für die Entschlüsselung der DNA durch Watson und Crick bildeten, wofür die beiden 1962 den Nobelpreis erhielten, wurde Franklin nicht für ihre Forschung gewürdigt.

Lise Meitner, Kernphysikerin
Ihre jahrelange gemeinsame Arbeit mit Otto Hahn und Fritz Straßmann machten die Entdeckung der Kernspaltung möglich. Zusammen mit ihrem Neffen erarbeitete sie auch 1939 die erste physikalisch-theoretische Erklärung der Kernspaltung und berechnete die dadurch freigesetzte Energie. Obwohl sie dafür mehrfach für den Nobelpreis für Chemie und für Physik nominiert wurde, wurde sie stets übergangen und nie ausgezeichnet.

Alice Augusta Ball, Chemikerin
Sie entwickelte 1915 die erste effektive Therapie gegen Lepra. Nach ihrem frühen Tod mit 24 Jahren stahl ein Mann ihre Forschungsergebnisse und veröffentlichte sie unter seinem Namen, ohne Ball auch nur zu erwähnen. Erst 90 Jahre später wurde sie posthum für ihre Arbeit geehrt.

Jocelyn Bell Burnell, Radioastronomin
1967 interpretierte sie als 24-jährige Studentin als erste „Störsignale“ in den Daten des Radioteleskoparrays, die von ihrem Betreuer als menschengemacht abgetan wurden, als das regelmäßige Pulsieren eines Neutronensterns und entdeckte so den ersten je beobachteten Pulsar. Der Nobelpreis für diese Entdeckung wurde 1974 vergeben – an den Betreuer ihrer Doktorarbeit und einen weiteren Astronomen, während sie mit keinem Wort erwähnt wurde.

Cecilia Payne-Gaposchkin, Astronomin
Sie erkannte 1925, dass Wasserstoff und Helium die Hauptbestandteile von Sternen sein müssen. Der Direktor des Princeton University Observatory weigerte sich jedoch, Paynes Ergebnissen Glauben zu schenken und setzte sie stattdessen unter Druck, ihre Ergebnisse zu widerrufen, indem er drohte, andernfalls die Dissertation nicht anzuerkennen. Nach unabhängigen Messungen bestätigte derselbe Mann aber 1929 ihre Ergebnisse. Sie erhielt trotzdem keinen Ruhm für ihre bahnbrechenden Erkenntnisse.

Nettie Maria Stevens, Genetikerin
Sie entdeckte 1905, dass das Geschlecht von Mehlwürmern durch ein großes und ein kleines Chromosom (später X und Y) bestimmt wurde. Diesen Beobachtungen wurde zuerst aufgrund von Stevens Geschlecht kein Glaube und keine Anerkennung geschenkt, dann wurden sie kleingeredet und ihr Name in frühen Lehrbüchern der Genetik nicht mehr erwähnt.

Vera Rubin, Astronomin
Ihre Arbeiten in den 1950er Jahren zur Entdeckung der Dunklen Materie trugen maßgeblich zur modernen Astrophysik bei. Ihre Forschungen galten anfangs als kontrovers, umso mehr, als sie sich zusätzlich gegen die Ablehnung ihrer männlichen Kollegen durchsetzen musste. Trotz ihres enormen Beitrages zur Entdeckung der Dunklen Materie blieb ihr der Nobelpreis verwehrt.

Marthe Gautier, Kinderärztin
Sie hatte wesentlichen Anteil an der Entdeckung der Ursache des Down-Syndroms, indem es ihr 1958 gelang, ein überzähliges Chromosom in den von ihr kultivierten Zellkulturen eines betroffenen Kindes zu zählen. Ihr Kollege überging sie bei der Publikation der Ergebnisse, indem er seinen Namen an erste Stelle setzte, ihren noch dazu falsch schrieb und somit die Wichtigkeit ihrer Laborarbeit völlig ignorierte.
Wer ändert das? Frauen.

Emily Temple-Wood, Ärztin
Emily Temple-Wood, eine US-Amerikanische Ärztin, engagierte sich bereits als Jugendliche für mehr Repräsentation von Frauen auf Wikipedia und war 2012 Mitgründerin des WikiProjekts Women Scientists. Seitdem hat sie hunderte Artikel über bisher unerwähnte Frauen für Wikipedia geschrieben.

Jessica Wade, Physikerin
2018 erkannte auch die britische Physikerin Jessica Wade, dass nur 19% der Biografien auf Wikipedia Frauen gewidmet waren. Sie beschloss, das zu ändern. Bis Oktober 2025 hat sie 2000 Biografien von weiblichen Forscherinnen und Wissenschaftlerinnen für Wikipedia verfasst.
Bildnachweise (alle Bilder bearbeitet):
Rosalind Franklin nach: MRC Laboratory of Molecular Biology, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
Jocelyn Bell Burnell nach: Launch_of_IYA_2009,_Paris_-_Grygar,_Bell_Burnell.jpg: Astronomical Institute, Academy of Sciences of the Czech Republicderivative work: Anrie, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons
Vera Rubin nach: NOIRLab/NSF/AURA, CC BY 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/4.0>, via Wikimedia Commons
Marthe Gautier nach: https://www.pcuc.org/wp-content/uploads/2013/03/marthe-gautier.jpg
Emily Temple-Wood nach: Keilana, CC BY-SA 1.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/1.0>, via Wikimedia Commons
Jessica Wade nach: Samantha (Wiki Ed), CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons


