Statt entfremdender Arbeit gemeinsame, sinnstiftende Erwerbstätigkeit. Rudolf Karazman, Springer-Gabler Verlag 2015.

Der Autor ist vielleicht noch KPÖ-­Mitgliedern und SympathisantInnen bekannt, der vor etwa 20 Jahren die IBG (Innovatives Betriebliches Gesundheitsmanagement GmbH) gründete, die nachwievor an der Umsetzung einer humanökologischen Arbeitswelt arbeitet. In dem Buch stellt der Autor dieses Prinzip des Human Quality Managements (HQM) für verschiedene Arbeitssituationen aus mehreren Gesichts­punkten dar. Ausgehend vom ursprünglichen Beruf des Autors als Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, als Psychotherapeut und Arbeitsmediziner ist für ihn das umfassende Wohl des Werk­tätigen anzustreben.

Sowohl für die abhängigen ArbeitnehmerInnen als auch für die Manager­In und UnternehmerIn trägt die ­Verwirklichung intrinsischer Werte wesentlich zum Wohlbefinden bei, wofür Rudolf Karazman auf vier Bedingungen aufbaut: die soziale Wirksamkeit der Kooperation am Arbeitsplatz, die persönliche Sinnhaftigkeit der Tätigkeit, gesundheits­fördernde Arbeitsbedingungen und die Anteilnahme am Management zur Zusammen-Führung für kurz- und langfristig sinnvolle Ziele. Eine humanökologische Arbeitsgestaltung basiert auf der sozialen Einbindung durch Kommunikation, der Selbstverwirklichung mit Kompetenz und einer gesund erhaltenden Arbeitsbewältigung. Das resultierende Arbeitsvermögen der WertschöpferInnen kann durch eine personenzentrierte Zusammen-Führung bestmöglich für das Erreichen der Unternehmensziele genützt werden. Ein(e) ManagerIn kann die Produktivität zu einem Optimum dirigieren, wenn die Fähigkeiten genutzt werden, Arbeits­zufriedenheit erzeugt wird, Ausfälle durch Krankheit reduziert werden und innere Kündigung gar nicht erwogen wird. Der Autor stellt den aktiven Stress als positiv für kurzfristige Leistungssteigerung dar, wenn diese Perioden durch Erholungsphasen ausgeglichen werden. Andauernder, passiver Stress ständiger Überforderung, aber auch durch Unterforderung, soziale Barrieren und sinnentleerte Tätigkeiten machen jedoch krank und reduzieren das Arbeitsvermögen.

Besondere Bedeutung misst der Autor der Flexibilisierung der Arbeitsorganisation für alternde MitarbeiterInnen bei, um deren Stärken zu nutzen und deren Schwächen anzuerkennen. Die Arbeits­anforderungen sollen der Arbeitsfähigkeit entsprechen, wofür auch Ergonomie und Arbeitszeitgestaltung anzupassen sind. Das HQM kann auch eingesetzt werden, um ImmigrantInnen zu integrieren, was besonders über die Erwerbsarbeit gelingen kann, um die Traumata der Emigrationsursachen und der Immigrationsprobleme, sowie der Anpassung an die Arbeitswelt zu verarbeiten und womöglich zu heilen.

Dem Betriebsrat wird die Rolle einer humanökologischen Qualitäts­prüfung zugeschrieben. Von den Betriebsärzt­Innen wünscht er sich proaktive Menschenverträglichkeitsprüfung der Arbeitsverhältnisse in der nach HQM dargestellten Gesamtheit. Das nachhaltige Arbeits­vermögen eines Unternehmens stellt seinen eigentlichen Wert dar, es wird aber nur die Wirtschaftsbilanz veröffentlicht. Rudolf Karazman verlangt, dass Unternehmen nach der Humanbilanz bewertet werden und dass Investitionen ins Arbeitsvermögen ebenso steuerlich abschreibbar sein sollten wie Maschinen. Das übliche Controlling der Kosten sei durch ein Kostbarkeits-Controlling der Wertschöpfer zu ergänzen, wofür das Buch auch ­Indikatoren angibt.

Der Autor stellt die betriebswirtschaftliche Bedeutung der Arbeitswelt in Bezug zur Volkswirtschaft, die ebenfalls von der Produktivität der Betriebe, der Gesundheit der Erwerbstätigen ­profitiert. Darüber hinaus kann sich eine humanökologische Transformation der Wirtschaftsregeln anbahnen, die die Unternehmen dazu bringt, nicht nur den eigenen Betrieb nach HQM aus­zurichten, sondern dies auch von den Unter­nehmen der Wertschöpfungskette zu verlangen. Das ist ein wertvoller Aspekt für den derzeit in Vorbereitung befindlichen Gesetzesentwurf über die Berichtspflicht zu Nicht-Finanziellen Indikatoren großer Unternehmen, insbesondere staatlicher Organisationen.

Das Buch konzentriert sich auf die Erwerbsarbeit, aber weist auch auf die Einflüsse auf das Privatleben hin. Eine menschengerechte Erwerbs­tätigkeit fördert die übrigen Tätigkeitsbereiche der Menschen, wie familiäre Beziehungen und Haushaltsarbeit, kreative Eigen­arbeit und engagierte, gesellschaftliche Teilhabe. Wenn die letzteren drei Tätigkeits­bereiche an Bedeutung und Raum gewinnen, kann – meiner Meinung nach – die Erwerbsarbeit mit weniger Stress gestaltet werden.

Das Buch beschreibt keine Sozialromantik, sondern eine Vision, die Hoffnung und Anregungen für PersonalmanagerInnen, Betriebs­rätInnen, VertreterInnen der Sozialpartner, ArbeitsmedizinerInnen, ArbeitnehmerInnen und Bildungseinrichtungen für eine human­ökologische Transformation der Arbeitswelt gibt. Es werden auch konkrete Beratungserfolge in öster­reichischen Betrieben angeführt.

Geschrieben von H. Peter Degischer, em.o.Univ.Prof.

Bezug: Fachbuchhandlung des ÖGB-Verlags

Quelle: Die Alternative

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