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Im April 2015 fand in Wien die Fachtagung „Was ist los in unserem Gesundheits- und Sozialsystem“ für BetriebsrätInnen und PersonalvertreterInnen statt.

Dabei wurde unter anderem eine Zusammenschau der aktuellen Probleme in den Bereichen Medizin, Pflege und Sozialarbeit unternommen und an gemeinsamen, berufsgruppen-übergreifenden Veränderungs-Strategien gearbeitet. Veranstalterin war das gedifo*), das die Tagung gemeinsam mit der Wiener Ärztekammer finanzierte. Diese Finanzierung machte es möglich, als eine der HauptreferentInnen Mechthild Seithe aus Berlin einzuladen.

Mechthild Seithe ist Psychologin und Sozialarbeiterin und hat über die Veränderung von politischen Einstellungen promoviert. Sie hat im Bereich „Kinder, Jugend Familie“ gearbeitet und an der Fachhochschule für Soziale Arbeit unterrichtet. Angesichts der Ökonomisierung aller gesellschaftlichen Bereiche engagiert sie sich für kritische Soziale Arbeit und deren Politisierung. Sie hat einige Bücher publiziert, darunter das „Schwarzbuch Soziale Arbeit“ sowie „Das kann ich nicht mehr verantworten! Stimmen zur Lage der Sozialen Arbeit“ (gemeinsam mit Corinna Wiesner-Rau).

In Wien wies Mechthild Seithe vor allem darauf hin, dass es nicht mehr genügt, Ressourcenmangel und Überlastungen in einzelnen Arbeitsfeldern zu thematisieren. Zunehmend wird klar, dass die Frage nach den strukturellen Entwicklungen, die zu aktuellen Missständen geführt haben, gestellt und diskutiert werden muss. Denn: „Es geht dabei um eine grundsätzliche Schieflage. Sie kann nicht mit kleinen Reformen und neuen Projekten geheilt werden, sie erfordert grundsätzliche Veränderungen.“

Die Umwandlung einer Profession

Ökonomisierung der Sozialen Arbeit bedeutet laut Seithe nicht, „… wie so mancher glaubt, die angemessene Berücksichtigung der Tatsache, dass zum Beispiel Soziale Arbeit auch Geld kostet. Ökonomisierung heißt, dass alles und alle – und das heißt auch das Soziale, die Bildung, das Gesundheitswesen – in dieser Gesellschaft unter die ökonomischen Gesetze von Effizienz und Konkurrenz gestellt werden. Dem Sozialmanagement kommt dabei die Rolle zu, die ökonomischen Gesetze zum Beispiel in den Bereichen Soziales und Gesundheit ­(frühere Non-Profit Bereiche) durch- und umzusetzen. Die Betriebswirtschaft wird in diesem Prozess zur wissenschaft­lichen Leitdisziplin sämtlicher gesellschaftlicher Aktivitäten. Aus dieser Transformation folgte für die Soziale Arbeit eine neue Struktur und ein neues Menschenbild, das von vielen Vertreterinnen Sozialer Arbeit heftig kritisiert wird. Prakti­ker­Innen erfahren diese Veränderungen und problematischen Folgen tagtäglich in ihrer Arbeit.“

Dieses neue Menschenbild hat sich von den humanistischen Grundlagen der „alten“ Sozialen Arbeit deutlich entfernt: „… Es gibt keine gesellschaftlich verursachten Probleme, sondern nur individuelle. Die Menschen haben kein Recht mehr auf Unterstützung, sie werden vielmehr auf ihre eigenen Anstrengungen, auf Unterstützung durch private soziale Netzwerke zurückverwiesen. Unterstützung erhält man nur noch gegen entsprechende Gegenleistungen. Hilfepläne (…), die einmal als Kommunikations- und Mitwirkungsinstrumente gedacht waren, geraten zu Überprüfungs- und Kontrollinstrumenten. Selbst Sanktionen sind nicht mehr tabu. (…) Sozialarbeiterische Professionalität wird folglich nicht mehr definiert als Interaktion und Kommunikation mit KlientInnen, um mit ihnen zusammen und unter Zuhilfenahme gesellschaftlicher Ressourcen ihre persönlichen und sozialen Probleme zu bearbeiten, sondern als Anwendung vorgegebener Handlungsfolgen, die auf schnelle Ergebnisse zielen, einen möglichst kostengünstigen Weg einschlagen und für die allein die Erlangung oder Wiedererlangung der Erwerbsfähigkeit der Menschen im Mittelpunkt steht.“

Den Erfordernissen der Praxis entspricht diese Ideologie in keiner Weise, denn „… soziale Prozesse und Merkmale sind komplex und vieldimensional. Sie sind nicht einfach zählbar beziehungsweise linear quantifizierbar. Wenn man versucht, sie zu quantifizieren, verfehlt man in der Regel die entscheidenden Kernelemente und komplexen Zusammenhänge. Die Notwendigkeit, alles zu messen und in beobachtbare Einzelteile zu zerlegen, führt zu einer kleinschrittigen und nicht am Inhalt orientierten Sozialen Arbeit.“

Das Verschwinden von Wirksamkeit, Qualität und Professionalität

Mechthild Seithe veranschaulichte anhand eines auch auf Wiener Verhältnisse übertragbaren Beispiels, wie Soziale Arbeit damit unwirksam gemacht wird: „Wenn in einer sozialpädagogischen Tagesgruppe, deren spezifische Wirkung maßgeblich in der tag-täglichen, sozialpädagogisch begleiteten Gruppenarbeit und Gruppendynamik besteht, (der Geldgeber damit anfängt), dieses ‚Produkt‘ nur noch Stunden- oder Tageweise zu gewähren und zu finanzieren (also: Donnerstag und Freitag je zwei Stunden am Nachmittag), geht mit dem gewachsenen Gruppengefüge der Inhalt und die Wirkungschance dieser Hilfe verloren. Die nunmehr geleistete Arbeit wird kaum mehr sein als ein gelegentliches Einzelangebot der Beaufsichtigung und Beschäftigung. Was aber kann man da noch an Wirkung erwarten?“

SozialarbeiterInnen leiden nicht nur an Überforderung sondern ebenso an zunehmendem Sinnverlust durch unwirksam gewordene soziale Ressourcen – bei einem gleichzeitig überbordenden Wirkungsmessungs- und Qualitäts-Diskurs der ManagerInnen.

„(…) Wenn wir uns für mehr Ressourcen einsetzen, stehen wir damit nicht nur im Konflikt mit Verwaltungen, die kein Geld herausgeben wollen, sondern auch mit der grundsätz­lichen Meinung der herrschenden Politik, dass es besser sei, wenn wir möglichst wenig Geld und Ressourcen haben: Knappe Ressourcen gelten als notwendig, um die Selbsthilfekräfte der bedürftigen Menschen zu fördern und damit die professionelle, teure Hilfe überflüssig zu machen.

Für die Klienten aber bedeuten die immer weiter verknappten Ressourcen einen hohen Qualitäts­verlust der Hilfen, und für die Sozialarbeitenden führen sie zu einer massiven Arbeitsverdichtung mit Stress und Krankheitsgefahren, zur Zerstückelung ihrer Handlungsprozesse, zu einem chronischen Zeitmangel und zur Verunmöglichung von Beziehungsarbeit – und das alles bei in jeder Hinsicht prekären Arbeitsbedingungen.

Selbständig denkende SozialarbeiterInnen sind nicht wirklich erwünscht. Sie könnten nämlich das vorgeschriebene Prozedere infrage stellen. Trotzdem wird heute der Begriff „Qualität“ groß geschrieben. Aber es geht hier um formale Qualitätsaspekte im Sinne des betriebswirtschaftlichen Verständnisses, mehr nicht.

Das sogenannten Qualitätsmanagement, das alles Mögliche prüft, nur nicht die entscheidenden fachlichen Fragen, zwingt die KollegInnen zu einer endlosen Dokumentationsflut. Man erwartet von ihnen Kontrollauf­gaben und erzielt damit, dass die KollegInnen nicht selten mehr Zeit am PC zubringen als mit ihrer Klientel.

Eine Soziale Arbeit, die humanistische Vorstellungen vom Menschen und ihrer Aufgabe hat, ist grundsätzlich ein Dorn im Auge der herrschenden neoliberalen Politik. Dass es dabei sogar zu finanziellen Verschwendungen kommt, statt zu einem effizienten Einsatz dessen, was man für Soziale Arbeit hält, ist nur ein Indiz dafür, dass es nicht eigentlich ums Sparen, sondern vielmehr ums Umsteuern geht.“

Von der Angst und deren Überwindung

Wie können nun wir in diesem Feld Tätigen mit dieser Realität umgehen? Eine Änderung zum Besseren ist nicht wirklich in Sicht, aber wir können wachsam bleiben und besonders problematischen Entwicklungen immer wieder Grenzen setzen.

Dazu Seithe: „Wir alle wissen, dass es mit der Bereitschaft zum Widerstand bei der Masse der KollegInnen nicht gut bestellt ist: Die herrschende Angst vor Arbeitsplatzverlust, Mobbing oder Ausgrenzung verhindert meist jede Gegenwehr. Das ist in Deutschland leider so und wie ich vernommen habe, herrscht hier in Wien das gleiche Problem: Nach außen ist angeblich alles super. Alle sind fröhlich, allen geht’s gut. In Wirklichkeit herrscht nicht selten lähmende Angst: Es trauen sich nur wenige, über Missstände (zu) reden.

Wenn wir erreichen wollen, dass die gegenwärtigen ­Entwicklungen unsere humanistischen Vorstellungen von Sozialer Arbeit nicht vollständig auslöschen, dann muss sich die Profession bewegen, dann muss ein Ruck gehen durch die Einrichtungen und Arbeitsstellen. Was aber müsste passieren?

Für eine wirksame und wahrnehmbare Gegenwehr müssen sich die KollegInnen der Sozialen Arbeit zusammen tun, gemeinsam handeln, gemeinsam Kritik üben, sich gemeinsam bestimmten Zumutungen verweigern. Das gilt für die Alltagssituationen im eigenen Team, das gilt für die gesamte Sozialarbeiterschaft eines Trägers, einer Stadt, eines Landes usw. Aber das reicht noch nicht: Soziale Arbeit als Profession darf nicht bei ihren berufsständigen Interessen stehen bleiben. Es sollten Bündnisse all derer entstehen und angeregt werden, die unter den gleichen Zumutungen leiden und ebenfalls daran gehindert werden, ihre Berufe im Interesse der Menschen auszuüben. Wir sollten verhindern, dass man uns gegeneinander ausspielen kann.(…)

Es geht nicht nur darum, uns gegen die konkrete oft prekäre und professionsfeindliche Lage an unseren Arbeitsplätzen zu wehren, es geht um mehr: Die KollegInnen sind angesichts der beschriebenen Entwicklungen und Tendenzen aufgerufen, sich gemeinsam zu einer aktiven und systemkritischen gesellschaftlichen Kraft zu entwickeln.“

Mechthild Seithe hat diese Thesen, wie beschrieben, vor Interessenvertreterinnen aus unter­schiedlichen Gesundheits- und Sozialeinrichtungen und diversen Berufsgruppen vorgetragen. Und die Zustimmung aus dem Publikum war stark spürbar. Es wäre schön, auch darin eine Basis für gemeinsames Handeln zu finden.

 *) Gesellschaftspolitisches Diskussionsforum bei der Wiener Arbeiterkammer

Quelle: Die Alternative

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