Weder ÖGB noch AK stellen sich klar gegen den 12-Stunden-Tag. Während die Wirtschaft in die Hände poscht, dürfen wir uns zurecht verraten fühlen.

Ein Arbeitstag mit zwölf Stunden soll in Zukunft leichter möglich sein – das plant die Regierung. Während Arbeitspsychologe Univ.-Prof. Wolfgang Kallus, Institut für Psychologie der Uni Graz, einbringt, dass ein abwechslungsreicher 12-Stunden-Tag durchaus weniger ermüdend sein kann, als ein monotoner 8-Stunden-Tag, mehrt sich die Kritik am 12-Stunden-Tag auch unter Experten:

Aus dem Gesichtspunkt der Erholung ist der 12-Stunden-Arbeitstag nicht unbedingt günstig, weil es besser ist, Arbeit aufzuteilen,

sagt zum Beispiel Gerhard Blasche, Erholungsforscher am Zentrum für Public Health der MedUni Wien: Beim 12-Stunden-Tag bleibe keine Erholungszeit mehr übrig, der Tag beschränke sich auf Tätigkeiten wie Arbeiten, Einkaufen, Essen und schließlich Schlafen.

Da kann es leichter zur Erschöpfung kommen. Dazu kommt, dass man Erholung nicht speichern kann. Längere Wochenenden sind sicher nett, aber sie kompensieren kaum. Es ist besser, die Erholung in die Arbeitszeit zu integrieren.

Untersuchungen hätten außerdem gezeigt, dass die Unfallhäufigkeit ab zehn Stunden Arbeit aufgrund zunehmender Ermüdung steige.

Für jene, die an einem Arbeitstag permanent beansprucht werden, liegt hier eine absolute Grenze.

Die Idee des flexiblen Arbeitszeitmodells klingt immer sehr elegant und human

Meist geht sie vollmundig mit der Vision einher, dass sich die arbeitenden Menschen – ganz nach Lust, Laune und privaten Bedürfnissen – ihre Arbeitsstunden einteilen können – als Ingredienz eines selbstbestimmten Lebens, im Sinne der viel zitierten und so gesunden Work-Life-Balance.

Praktisch sieht das mit der Vision von Balance und Selbstbestimmung dann schon etwas anders aus. Möglicherweise haben wir mehr Entscheidungsautonomie, aber dadurch nicht wirklich mehr Freiheit: Die Arbeitswelt hat sich verdichtet, es mangelt an Jobs, der Konkurrenzdruck ist groß. Gegeneinander statt Miteinander, Jung gegen alt, Hackler gegen Denker, Langsamere gegen die Superfitten.

Gesund ist das nicht

Ungesund ist außerdem, dass wir schon im 8-StundenTag in einer „Sofort-und-alles-gleichzeitig“-Welt mit uns um die Wette agieren: Während wir die elektronische Post im Stakkato abarbeiten, klemmt das Smartphone am Ohr. Arbeit hört nicht mehr auf, die Pausen werden weniger, alles ist immer, rund um die Uhr. Deshalb schleppen die meisten Menschen ihre Arbeit mit ins Bett, ins Wochenende, in den Urlaub, oft, weil es nicht mehr anders geht, weil die Arbeit, die einst von drei Menschen erledigt wurde, nun von einer Person bewältigt werden muss.

Für Pausen, für ein Durchatmen – für die so genannte „Freiheit“ – bleibt keine Zeit mehr. Erholung wird zu einem Gut, das man sich teuer erkaufen muss. Da liegen wir dann, im schicken Ayurveda-Tempel, um all das zu kompensieren, was wir uns während des Arbeitsjahres aufgebürdet haben. Doch Pech, Erholung lässt sich nicht konservieren.

Deshalb müssen Erholung und Auszeit Teil des Lebensflusses bleiben. Doch dieser Lebensfluss mäandert längst – zwischen eigens geschaffenen To-do-listen und Chefwünschen. Mehr tun, weniger Schlaf, weniger Geld. Und oft auch: weniger Wertschätzung.

Die gefährlichste Zutat im Stress-Cocktail heißt Angst

Angst vor Jobverlust im Rahmen von so genannten Restrukturierungsmaßnahmen. Die Angst – einfach so – ins Out gekickt zu werden, weil man nicht mitgemacht hat, weil man’s nicht wert war, weil irgendeiner „da oben“ die falschen Entscheidungen getroffen und das Unternehmen in die Pleite gejagt hat. Das ist, was Arbeitnehmer nicht nur lähmt, sondern Dinge tun lässt, die jenseits von Belastungsgrenzen und Identifikationsmöglichkeiten liegen. Da scheint der 12-Stunden-Tag – als logische Folge all dessen – noch das geringere Problem.

KIV/UG traut sich

Weder von der Arbeiterkammer, noch vom ÖGB kommt jedoch ein klares Nein zum 12-Stunden-Tag. ÖGB-Präsident Erich Foglar fordert zwar im Gegenzug andere Sozialmaßnahmen, wie die leichtere Erreichbarkeit der sechsten Urlaubswoche, die Abschaffung unfairer Klauseln in All-Inclusive-Verträgen und „andere Punkte“ im Arbeitsrecht, scheint den 12-Stunden-Tag aber hinzunehmen.

Was sich die ÖGB-Spitze nicht traut, trauen sich die Unabhängigen GewerkschafterInnen, zu denen auch die KIV/UG zählt: Wir sehen in der Arbeitszeitausdehnung „puren Zynismus“. Man sollte angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit lieber die Arbeitszeit verkürzen. Auch wird der 12-Stunden-Tag die Aufspaltung in Vollzeitbeschäftigte mit Überstunden und in unterbeschäftigte Teilzeitbeschäftigte noch vertiefen.

Stattdessen fordern wir den 7-StundenArbeitstag und einen Überstundenabbau und haben dazu eine parlamentarische Bürgerinitiative gestartet:

  • Lange Arbeitszeiten gefährden die Gesundheit, führen zu berufsbedingten Erkrankungen und rauben Zeit für Erholung, FreundInnen, Familie und gesell­schaftliches Engagement.
  • Lange Arbeitszeiten sind ein Anschlag auf die Lebensqualität der betroffenen ArbeitnehmerInnen.

Wir fordern daher den Nationalrat auf, von einer Ausweitung täglicher Arbeitszeiten bei Gleitzeit Abstand zu nehmen und stattdessen Schritte in Richtung einer allgemeinen Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich zu setzen.

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